Review – Mass Effect 3

„Mass Effect 3“ ließe in dieser ersten Zeile wahrscheinlich mehr fanboy-artige Superlative zu, als ich in meiner gesamten Bloggerlaufbahn niederschreiben könnte. Aber wie so oft ist das hier kein schnödes 08/15-Review sondern mein Versuch, mich dem letzten Teil von Biowares Weltraumepos so zu nähern, dass es über die nackten Fakten namens Leistung, Gameplay, Grafik blablabla hinausgeht.

Denn Ende hin oder her, das Erlebnis „Mass Effect“ wird man als Spieler im Kopf niemals komplett abschließen können.

„Schlauchartig“ sagen einige Trolle, die sich mittlerweile aus ihren Stammforen erhoben und mittlerweile mit ihrem Bullshit Spielenewsseiten mit geballtem Blödsinn in der Kommentarsektion zuspammen und auch mittlerweile vor gehässigen Rezensionen beim großen Amazonashändler nicht zurückschrecken. „Episch“ sagen die Fans, die sich für Entdecken und Gespräche mit den Charakteren Zeit nehmen. „Langweilig“ sagen die, die das Ding als reinen Shooter spielen und vor dem dritten Teil der „Mass Effect“ Reihe keinen einzigen Vorgänger auch nur angefasst haben. „Meilenstein“ sagen die, die jede kleine Verbesserung im dritten Teil gegenüber den Vorgängern kritisch beäugen. „Scheiss Origin“ sagen die EA-Hater und installieren sich den Scheiss für die nächste Inkarnation von Battlefield garantiert sowieso auf dem PC (oder spätestens dann, wenn die Freundin/Schwester/Mutter mal wieder den neuesten Teil von „Die Sims“ spielen will).

Einer Geschichte, die die Entscheidungen des Spielers in einem solchen Ausmaß integriert und sie für die Nachfolger mit Konsequenzen verknüpft, kann man nicht an den einzelnen Faktoren festmachen. Nicht einmal an der gesamten Summe. Ein Buch bewertet man schließlich auch alleine nach dem Inhalt, nicht nach der Qualität des Papiers oder dem Einband. Und Inhalt ist das, womit „Mass Effect 3“ glänzen kann. Zur Situation am Anfang des Spiels muss man nicht viel sagen, in den ersten Spielminuten wird eine Menge Feuer abgebrannt. Die Reaper sind da und legen die Erde langsam in Schutt und Asche. Wo ich am Ende des zweiten Teils noch dachte „Den elenden Bosh’tet puste ich ihren Alienarsch dain, wo keine Supernova jemals scheinen wird“, bin ich ohnmächtig angesichts der tödlichen Effizienz der Reaper bei ihrem Angriff auf der Erde. Das hier ist kein Krieg zwischen mir und den Reapern, das ist ein Gemetzel. Hier sterben Menschen, die mit alledem nie etwas zu tun hatten. Ohnmacht wandelt sich zu Trauer, Zorn und der felsenfesten Überzeugung, die Beine in die Hand zu nehmen, zu entkommen, soviel Kräfte zu sammeln wie nur möglich ist, und dann die Reaper besiegen. Um jeden Preis! Darüber hinaus scheint es auch erheblichen Ärger mit Cerberus zu geben, die im zweiten Teil der Reihe Shepards Auftraggebener gewesen sind. Es wird also an mehreren Fronten gekämpft.

„Mass Effect 3“ ist wie seine Vorgänger ein Spiel, das über das übliche „vor die Konsole pflanzen und Knöpfchen drücken“ hinausgeht. Das Universum von „Mass Effect“ ist nachwievor unfassbar groß und erschließt sich euch durch das Studium der Einträge im Kodex und durch die unzähligen Gespräche. Vorausgesetzt, man lässt sich auf die Story und ihre Charaktere ein. Was auch meines Erachtens nur funktioniert, wenn man die Serie seit dem ersten Teil spielt und Gebrauch von der Importfunktion des Spielsstands macht, das eure Entscheidungen in die nachfolgenden Teile überträgt. Auch Ereignisse der DLC aus dem zweiten Teil werden mit eingeflochen, wenn auch kaum merklich, viele Zusammenhänge erklären sich aber besser, wenn man beide Spiele komplett mit ihren Zusatzepisoden gespielt hat. Bioware hat mit diesem Spiel die Trilogie abgeschlossen. Was bleibt ist das Gefühl etwas Gewaltiges erlebt zu haben. Der Wiederspielwert der Trilogie mag zwar durch die verschiedenen Entscheidungsoptionen gegeben sein, aber bis auf das Erscheinungsbild von Shepard würde ich wahrscheinlich nichts anders machen. Nehme ich mir dadurch Spielspaß? Wahrscheinlich nicht.

Im Gegensatz zu anderen Games mit größerer Freiheit bei der Herangehensweise wie „Fallout“, „Bioshock“ oder diverse Open-World Spiele fühlt sich „Mass Effect“ wie ein Spiel an, in dem man als Spieler viel Persönlichkeit reinsteckt. Leider gibt das Spiel nur in dem Rahmen des Storyrahmens und der möglichen Optionen Antwort auf die persönlichen Elemente des Spielers. Dieser Nachteil ist aber deutlich dem Gesamterlebnis geschuldet, denn der Umfang der Story ist, wenn man gerne liest und Gespräche führt, über die gesamte Reihe sehr hoch. Wer nur die Pflichtparts abarbeitet und sich nur in der Action anstatt in der Story verlieren möchte, kann das tun, ihm entgeht aber worum es bei „Mass Effect“ geht. Bioware hat auf der alten Xbox „Star Wars: Kniughts of the Old Republic“ erschaffen. Obsidian Entertainment führte die Reihe stilgemäß fort, aber selbst mit Biowares Beat’em-Up-RPG „Jade Empire“ sollte sich noch kein wahrer Erbe des modernen RPG zeigen. „Mass Effect“ hat dem RPG-Genre neuen Wind gegeben. Action, Story, Charaktere und Immersion. Der dritte Teil der Trilogie steht dieser Tradition in nichts nach.

Ich muss aber auch kritisieren, denn trotz der ganzen Vorschusslorbeeren gibt es einige Mängel. Mal abgesehen davon, dass diese gesamte Online-Pass-Kacke bis zum Himmel stinkt, aber die DLC-Zerstückelung des Spiels geht scheinbar weiter. So spaßig und sinnvoll (oder sinnfrei) sie auch sein könnten, auch wenn man als Käufer der N7-Edition den ersten DLC gratis erhält, wird man doch auch wieder weitere Euros lassen müssen, um ein vollständiges Spiel zu haben. Und versteht mich bitte auch nicht falsch, ich denke schon, dass das Spiel an sich vollständig ausgeliefert worden ist (Protheaner-DLC hin oder her). Ich fürchte mich nur vor dem Tag, an dem es keine herunterladbarne Inhalte mehr für das Spiel geben wird und man nur noch ein unvollständiges Spiel im Regal stehen hat. Was das Spiel an sich ausmacht, sollte ich ja zu Genüge erklärt haben. Aber jetzt wird es haarig. Versteht bitte, das was Bioware bis kurz vor Ende der Trilogie hinbekommen hat, ist einzigartig. Enorm. Großartig. Episch! Und dann gegen Ende fährt Bioware und EA den Karren vor die Wand und sagt „Endstation!“, haut euch eins mit ’nem rot-grün-blauen Gummihammer über und rennt lachend im Zickzack weg. Das Ende scheint Spielern, die alle Teile gespielt haben, sehr unbefriedigend. Und das ist noch sehr wohlwollend ausgedrückt.

Einen richtigen Endboss im eigentlichen Sinne hat das Spiel nicht. Das, was nach der letzten spielbaren Sequenz an Entscheidung auswählbar ist, ist nicht abschließend genug. Man erfährt nicht, wie es allen Charakteren nach dem Finale ergeht. Man weiss nicht, wie die Beziehung von Shepard mit einem anderen Crewmitglied weitergeht. Man wird es wahrscheinich auch nie erfahren. Fanaktionen und dem Entrüstungssturm zum Trotz wird am Ende nichts verändert. Und in gewisser Hinsicht ist das auch gut so. Versthet mich nicht falsch, ich mag das Ende nicht. Aber ich bezweifle, dass etwas anderes möglich gewesen wäre. Ich denke, das Monstrum „Mass Effect“ ist fast schon zu groß geworden. Unzählige Variablen, viele Entscheidungen und euer ganz persönlicher Shepard. Es sollte als Trilogie ausgelegt sein und mit dem dritten Teil sollte die Erzählung von Shepard abgeschlossen werden. Wie soll man da ein Ende finde, mit dem sich jeder Spieler identifizieren kann? So wie es gelöst worden ist, bleibt kein Raum für Fortsetzungen im eigentlichen Sinn. Das Ende des Spiels konnte nur so zustande kommen. Frei interpretierbar, fast schon zu frei. Keine Antworten auf die Fragen, die sich der Spieler stellt. Was bleibt sind tausende und abertausende Commander Shepards, die ihre ganz eigene Geschichte erlebt haben und unsere Galaxie vor den Reapern gerettet, oder sie ihnen zum Fraß vorgeworfen haben. Liebesbeziehungen mit ihren Crewmigliedern eingegangen sind. Die Galaxie bereist haben. Planeten erforscht und Zivilisationen geeint oder auseinandergetrieben haben. Respekt und Freunde oder Verachtung und Feinde gewonnen haben. Über das Ende kann man streiten. Muss man vielleicht sogar.

Ich kann und darf aber nicht vergessen, dass ich die gesamte Trilogie mit knapp 160 Stunden Spielzeit eine Menge Spaß hatte. Ich habe gehofft, gekämpft, geliebt und gewonnen. Betrauert und beschützt. Ich habe meinen Commander Shepard so geformt, wie ich es wollte. Meine Spielweise und mein Ich sind zusammengeflossen. Das von Bioware geschaffene Universum war der Topf, in die ich lediglich noch ein paar wichtige Zutaten reingeworfen habe. Und auch wenn man über eine Fortsetzung streiten mag… das, was vor der eigentlichen Mass Effect Trilogie passiert ist, ließe sich bestimmt auch noch in spielerischer Hinsicht umsetzen, oder?

Long story short: Für das Ende kann EA und Bioware mal gepflegt Fortpflanzungsprozesse mit dem eigenen Knie beginnen. Für alles, was davor war, verneige ich mich in Respekt und aufrichtiger Dankbarkeit für das vielleicht beste Spielerlebnis, was ich jemals vor einer Konsole hatte. Euer Finale verdient ausreichend Kritik. Aber eure Meisterleistung davor verdient das höchste Lob. Keelah se’lai!

– Name und Systeme:
Mass Effect 3 (Xbox 360, PlayStation 3, PC)

– Spieleranzahl:
1 (Singleplayer), 1-4 (Koop-Multiplayer)

– Mehrkosten:
jeweils 9,99€/800 MSP für den Online-Pass (liegt als Code allen neuen Spielen bei), erster DLC „Aus der Asche“ ebenfalls für 9,99€/800 MSP (liegt als Code nur der N7-Edition bei), weitere DLC werden wahrscheinlich folgen

– gelungen:
Gameplay, Atmosphäre, Charaktere, riesiger Umfang der Story, genialer Soundtrack, gelungene deutsche Vertonung, Spielstandimport des Vorgängers auf PC und 360

– weniger/nicht gelungen:
das Ende, endloses Melken der Käufer mit wahrscheinlich zahlreichen weiteren DLC

– hätte besser sein können:
Import des aus ME1 nach ME2 importierten Gesichts funktioniert nicht, unbefriedigendes Ende der Story

– Kaufempfehlung für:
SciFi-Fans, RPG-Spieler, Anhänger von Taktikshootern, Vielleser

Bitte beachten!
Dieses Spielereview unterliegt ausschließlich meiner persönlichen Betrachtungsweise und ist zu keinem Zeitpunkt dem Leser Objektivität schuldig. Die Eindrücke und Erfahrungen während des Spielens können, abhängig vom Gemütszustand der spielenden Personen, Fanboyallüren, verwendeter Technik und anderen ggfs. relevanten Faktoren stellenweise erheblich variieren. Dieser Artikel stellt keine Werbung im eigentlichen Sinne dar, sondern spiegelt lediglich meine eigene Betrachtung des Spiels wieder. Das Lesen dieses Artikels ist für alle Altersgruppen gestattet, für den Erwerb des Spiels gelten die jeweils gültigen nationalen Jugendschutzgesetze.

Das hier ist kein normales Review, es ist eine Liebeserklärung. An Videospiele und ihre Spieler. An das eine Element in dem Spiel, das uns dazu bringt, Stunden um Stunden in dieses Hobby zu investieren und etwas dafür zurückzubekommen. Spiele sind kulturelle Bereicherung und Computer-/Videospiele sollten davon nicht ausgenommen sein.

Alle Screenshots und Bilder in diesem Artikel entstammen der offiziellen Website von Bioware zum Spiel und gehören ihren rechtmäßigen Eigentümern.

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