Review – Journey

“Journey” habe ich vor knapp einer Woche gespielt. Und ich habe eine Weile gebraucht, um in Worte fassen zu können, was mir dabei durch den Kopf ging. Und ich weiss noch nicht einmal, ob man dieses Spiel irgendwie überhaupt in Textform ausreichend darstellen kann. Eines ist mir aber klar geworden. Und zwar, dass “Journey” die Grenze überschreitet.

Versuchen wir nun gemeinsam rauszufinden, um was für eine Grenze es sich handelt.

Als reiner Downloadtitel, den es ausschließlich für PlayStation 3 gibt, habt ihr nicht das “Problem” einer Anleitung. Überhaupt hat das Spiel eigentlich keinerlei Erklärungsbedarf in klassischer Form. Wenn ich jemals einem Spiel ankreiden kann, absolut intuitiv zu sein, dann sicherlich “Journey”. Und die beiden anderen von thatgamecompany entwickelten Spiele (“flOw”, “Flower”), aber das wird Bestandteil eines anderen Artikels sein.

Startet man das Spiel, fand ich mich zumindest in der Situation wieder, mir einige Fragen zu stellen. Als verhüllte dunkelrote Gestalt in der Wüste aus einen Berg zugehen, dessen Spitze leuchtet. Was ist der Berg? Wer bin ich? Was ist das hier für ein Ort? Wieso mache ich das hier eigentlich? Keine Erklärung im eigentlichen Sinn, an einzelnen Stationen erfahrt ihr nur wenig mehr über das Land und über die Reise. Eine andere Gestalt, ebenfalls verhüllt, gänzlich in weißem Gewand, scheint sich für uns zu interessieren und uns mehr über die Reise zeigen zu wollen. Oder bilde ich mir das nur ein? Wie viel kann man in den Bewegungen und dem nicht vorhandenen Gesichtsausdruck einer Gestalt erkennen? Was glaubt man zu erkennen? Oder geht es am Ende gar nicht um den Berg, sondern um euch?

Ihr durchstreift nun also dieses Land und geht zum Berg. Punkt. Ihr könnt aber auch springen. Zumindest ein bisschen. Und durch die Luft gleiten. Findet ihr mystische leuchtende Zeichen, erhaltet ihr eine Art Schal, das stets hinter euch flattert und mit leuchtenden Symbolen verziert ist. Jedes Springen und Gleiten verbraucht dabei etwas von der “Aufladung” eures Schals. Interaktion mit einigen Objekten (und fliegenden Bändern) lädt euren Schal wieder auf. Von größeren Dünen und Hängen und an einigen Stellen im Spiel “surft” ihr regelrecht auf dem Sand, was eine Menge Laune macht. Das zumindest zur Bewegungsmechanik. Ihr überwindet diverse Hindernisse und setzt eure Reise fort. Zum Aktivieren bestimmter Objekte gebt ihr über einen anderen Button ein Signal, welches dann über eurem Kopf leuchtet. Dieses Signal ist aus einem anderen Grund noch relativ wichtig. Aber prinzipiell war es das von der Spiemechanik, denn komplizierter wird es nicht.

Eine Besonderheit ist der Multiplayer. Ja, dieses Spiel hat einen Multiplayer. Automatisch und zufällig, wenn die PlayStation 3 online ist, kann es sein, dass sich ein anderer Reisender in der Welt aufhält. Irgendein anderer Spieler von “Journey”, irgendwo auf der Welt. Wer es ist, erfahrt ihr erst ganz am Ende eures Abenteuers. Ihr könnt jedenfalls zusammen reisen. Müsst aber nicht. Jeder kann auch seinen Weg gehen. Überhaupt kann keiner dem anderen etwas wegnehmen oder so. Es gibt keinen Wettbewerb, keinen Kampf. Es gibt nicht einmal einen Chat. Keine Möglichkeit, sich mit dem anderen Spieler zu verständigen. Wobei, doch, eine oder zwei Wege gibt es. Figuren mit euren Schritten im Sand zeichnen zum Beispiel. Diese verschwinden aber schnell. Und im Regelfall achtet man eh nicht darauf, wo und wie der andere da gerade auf dem Sand läuft. Die andere ist ein wenig direkter. Das Signal, was man zum Aktivieren bestimmter Objekte nutzt, dient euch als einzige direkte Kommunikationsquelle.

Das klingt jetzt schlimmer, als es eigentlich ist. Als kurzer “Ping” quasi für Hinweise oder vielmehr ein Hinweis auf einen Hinweis vollkommen ausreichend. Wollte ich, dass mein Weggefährte mir folgt, weil ich vielleicht etwas entdeckt habe, habe ich ein kurzes Signal gegeben, abgewartet und dann losgegangen mit einem weiteren Signal. Es erwartet, dass man sich zusammen aufeinander einlässt und versucht zu entdecken, was der andere jetzt macht oder machen will. Kommunikation in der Wüste, in mehr als einer Hinsicht. Und es funktioniert. Und darüber hinaus noch, als stumme Wanderer mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen, wollte ich ihm nicht mehr von der Seite weichen. Wie selbstverständlich habe ich innegehalten, wenn er gerade ein Stück weit zurück war. Gewartet, um dann gemeinsam wieder weiterzuziehen. Umgekehrt genauso. Objekte gemeinsam aktiviert, um Botschaften und Symbole zu entdecken. Für die knapp 2 Stunden war dieser Weggefährte der einzige Freund den ich hatte und jemals haben werde. Ein unzertrennbares Band wurde geformt.

Liegt es an der Atmosphäre der Umgebung? Die wie gemalt wirkenden Ruinen, versunken im Wüstensand, die Musik, die seltsamen Relikte, alles wie Schatten eines längst vergangenen Zeitalters. Ein Zeugnis von dem, was war. Wir, als Fremdkörper in einer Umgebung, die uns abweist und zugleich einlädt. Droht und lockt. Und überall der Sand. Der Klang in der Luft. Stimmungsvoll. Man möchte glatt dort bleiben und die Reise nicht fortsetzen. Augenblick verweile doch, du bist so schön. Aber irgendwann muss alles weitergehen, und die Reise ist keine Ausnahme davon.

Die Szenerie wandelt sich. Wüste wird zu unterirdischer Ruine, wird zu Felsen und Schnee. Der Weg zur Spitze ist hart und beschwerlich. Und wird immer härter. Und gerade gegen Ende mehr als emotional. Angst, dass alles vergebens war. Wofür der ganze Scheiss eigentlich? Was soll ich hier oben? Das sind Sachen die einem durch den Kopf gehen können, wenn man “Journey” alleien spielt. Gemeinsam kommt noch eine andere Komponente hinzu. Der Zusammenhalt. Das Gefühl, es schaffen zu können, wenn man nur beisammen ist und diesen Weg gemeinsam auf sich nimmt.

Und hier muss ich abbrechen. Gerade das Ende des Spiels ist unvergleichlich emotional und ich möchte niemandem den Spaß am Spiel verderben, wenn ich hier mehr schreibe als ich eigentlich sollte. Ich habe auch nicht alles erwähnt, was das Spiel ausmacht. Macht auch kaum Sinn. “Journey” ist Spiel und Erfahrung zugleich. Jeder wird für sich etwas anderes in diesem Spiel finden. Tut euch nur selbst den Gefallen und spielt es nach Möglichkeit online, dass ihr die Chance habt, mit einem zufälligen Spieler an eurer Seite diese Reise zu wagen. So oder so, diese Reise wird euch sehr, sehr lange in Erinnerung bleiben.

Und was die anfangs erwähnte Grenze angeht? Ich habe so gut wie nie das Gefühl, nach einem Spiel über das Geschehende nochmals ausführlich zu reflektieren. Aber wenn ich mir ansehe, was mir durch den Kopf rast, wenn ich an mein Spielerlebnis mit “Journey” denke… hochemotional, nachdenklich, Interpretationsmöglichkeiten in Massen, traumhaft schön, philosophisch, Aufgabe und Opfer, Freundschaft, ein starkes Band, Zusammenhalt, Abenteuer, Geschichte, Aufnahmeritus, Pilgerreise, Lebensziele. Um nur einige wenige zu nennen. Die Grenze, die “Journey” überschritten hat, ist meines Erachtens die zwischen Spielen, Kunst und Philosophie. Von der mir nicht bewusst war, dass eine solche in dieser Konstellation überhaupt existiert. Oder es gab nie eine, und das Spiel hat nur den Raum dazwischen ausgeleuchtet. Wer weiss, ob und wie man sowas überhaupt sagen kann. “Journey” lässt einen jedenfalls mit mehr Fragen als Antworten zurück. Und das ist in unserer schnellen und modernen Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr.

Und was geht euch durch den Kopf, nachdem ihr “Journey” gespielt habt? Bitte lasst es mich wissen.

- Name und Systeme:
Journey (PlayStation 3)

- Spieleranzahl:
1 (offline), 2 (online)

- Mehrkosten:
keine

- gelungen:
Spielbarkeit, intuitive Bedienung, emotionale Tiefe des Spiels, Interpretationsmöglichkeiten, für wirklich alle Altersklassen geeignet, Multiplayerfunktion des Spiels

- weniger/nicht gelungen:
eventuell ein wenig zu kurz

- hätte besser sein können:
Metagame mit Trophys fehlplaziert

- Kaufempfehlung für:
alle PlayStation 3 Besitzer

Bitte beachten!
Dieses Spielereview unterliegt ausschließlich meiner persönlichen Betrachtungsweise und ist zu keinem Zeitpunkt dem Leser Objektivität schuldig. Die Eindrücke und Erfahrungen während des Spielens können, abhängig vom Gemütszustand der spielenden Personen, Fanboyallüren, verwendeter Technik und anderen ggfs. relevanten Faktoren stellenweise erheblich variieren. Dieser Artikel stellt keine Werbung im eigentlichen Sinne dar, sondern spiegelt lediglich meine eigene Betrachtung des Spiels wieder. Das Lesen dieses Artikels ist für alle Altersgruppen gestattet, für den Erwerb des Spiels gelten die jeweils gültigen nationalen Jugendschutzgesetze.

Das hier ist kein normales Review, es ist eine Liebeserklärung. An Videospiele und ihre Spieler. An das eine Element in dem Spiel, das uns dazu bringt, Stunden um Stunden in dieses Hobby zu investieren und etwas dafür zurückzubekommen. Spiele sind kulturelle Bereicherung und Computer-/Videospiele sollten davon nicht ausgenommen sein.

Alle Screenshots und Bilder in diesem Artikel entstammen der offiziellen Pressematerial von Sony und gehören ihren rechtmäßigen Eigentümern.

Ein Gedanke zu „Review – Journey

  1. Mangels PS3 hab ich mir mal ein Let’s Play angesehen, wohl auch das erste Mal dass der Macher es gespielt hat.

    Ich muss sagen, ich hatte vom Intro direkt den richtigen Verdacht auf das Ende ^^
    Vielleicht haben mich Titel und Setting, zumindest des Anfangs der Reises, an eine gewisse andere Geschichte erinnert, die uns beiden ja gut bekannt ist :D

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